Die Romantik des Autoreisezuges

Reisegenuss in der Bahn

Schöne Zeiten waren das. ICEs gab es noch nicht. Langsam fuhren Loreley-Express und TEE Rheingold über die kurvigen Schienen am linken Rheinufer zwischen Koblenz und Mainz.

Mit dem Loreley -express in die Schweiz (März 1967 – auf dem Weg zu meinem Vater)

Im Bordrestaurant, mit einem Glas Wein in der Hand, sah man auf der anderen Seite des Rheins die Loreley. Oder man fuhr am Abend mit dem Autoreisezug in Richtung Italien oder Österreich. Leckeres Abendessen bei Sonnenuntergang, mit dem Auto irgendwo hinter dem langen Zug und mit einem bequemen Bett im luxioriösen Abteil des Schafwagens.

Das gibt es  auch heute noch …

Vor 21 Jahren sind wir mit dem DB Autoreisezug nach Villach gefahren. Hier Hans und Saski bei Ankunft in Villach (1998)

Aber das kann man auch heute noch. Zumindest dachten wir das, als wir unsere Pläne für einen romantischen Start in unseren Urlaub in Österreich und Ungarn entwickelten. Eine Einzelfahrkarte Düsseldorf-Villach kostet zwar €819,60 aber dafür bekommt man auch was! Ein eigenes Abteil in einem richtigen Schlafwagen, herrliches Abendessen für zwei Personen und, vor der Ankuft in Villach, ein sogenanntes “Schlemmerfrühstück”. Nicht billig, aber wenn man so etwas macht, muss man es richtig machen, war unser Gedanke.

 

Unsere Vorfreude hat nicht sehr lange gedauert. Bereits viele Tage vor der Abreise waren unsere romantischen Gefühle auf einen Schlag verschwunden als eine E-Mail mit dem folgenden Text eintraf:

Ankunft des DB Autoschlafzuges, Villach 1998

“Leider ist es aus betrieblichen Gründen nicht möglich, in dem von Ihnen gebuchten Zug unser BordRestaurant mitzuführen. Deswegen müssen wir Ihre Buchung für das Abendessen an Bord stornieren.”

Es war uns nicht klar, was unter „betrieblichen Gründen“ zu verstehen wäre, aber es wurde deutlich, dass wir bei einer nicht sehr zuverlässigen Firma gebucht hatten.

Kundenbeurteilung 1,6: Never Ever

Aus näheren Recherchen lernten wir, dass der Autoschlafzug Düsseldorf-Villach von der Deutschen Bahn nicht mehr ohne Verlust betrieben werden konnte und dann von einem wenig soliden Unternehmen, Train4You, das unter der Marke Urlaubsexpress operiert, übernommen wurde.

Die Kundenbeurteilungen, die ich im Internet gefunden habe, zeigen ganz klar, dass die Stornierung des Speisewagens sich nahtlos fügt in den umfangreichen Katalog katastrophaler Erfahrungen, die von vielen Reisenden rapportiert wurden. Unter Überschriften wie Never-never again, Avoid, Never ever und Very Bad fand ich Meldungen über total veraltetes Zugmaterial, kaputte Toiletten, fehlende Wagen, schmutzige Betten, ungenießbares Frühstück, Autoschäden, unerträgliche Temperaturen und stundenlange Verspätungen. 69% der Beurteilungen auf Trustpilot waren in der Kategorie “bad”. Auf Google schien der Urlaubsexpress eine Durchschittsbeurteilung von 1,6 von 10 zu haben. Das Zugreisebüro “Treinreiswinkel” in Leiden wollte die Zugreisen von Urlaubsexpress wegen der mangelnden Qualität nicht länger verkaufen.

Warum sollte ich für diese Reise 800 Euro zahlen? Meine Entscheidung war, die Reise zu stornieren. Einen Tag mehr fahren, ist kein großes Problem und für weniger als € 100 bekommen wir ein gutes Hotel für eine Nacht. Ich schrieb eine E-Mail an Tran4You mit der Bitte um Stornierung und sofortige Rückzahlung des Reisebetrages, wozu der Anbieter aufgrund der rechtlichen Bestimmungen im Kundenvertrag verpflichtet war. Es kam keine Reaktion. Wir haben dann beschlossen, trotzdem das Risiko einzugehen und ich habe eine E-Mail geschickt, in der ich meine Stornierung stornierte. Auf diese E-Mail kam innerhalb von 10 Minuten eine Reaktion: Train4You freute sich auf meine Entscheidung und sie garantierten, dass im Zug auf jeden Fall Getränke und Speisen erhältlich sein würden.

Nahrungsmittelhilfe in Düsseldorf

Bahnhofsrestaurant statt Speisewagen

Am 28. Juli sind wir, mit extra Essen und Trinken an Bord, aus Leiden losgefahren. Die Autoreise nach Düsseldorf, mit einer kurzen Pause knapp vor der deutschen Grenze, ist ohne Problem verlaufen und rechtzeitig erreichten wir den Autozugterminal Düsseldorf. Ich konnte ohne zu warten unmittelbar auf den Zug fahren. Wir hatten viel Zeit, die wie für ein gutes Essen im Düsseldorfer Hauptbahnhof verwenden konnten.

Nach dem Essen kam der Zug im Bahnhof an und wir durften einsteigen. Unvorstellbar, solche alte Zugausrüstung hatte ich schon sehr lange nicht mehr gesehen: Wagen, die man normalerweise nur noch verrostet auf verlassenen Rangiergeländen sieht, sind hier noch im Einsatz!

Der fahrende Schrott vom Urlaubsexpress

Die Tür unseres Schlafwagens war nicht leicht zu öffnen, aber mit viel Gewalt gelang es einem Mitreisenden doch. Unser Abteil war nicht schlecht, eine echte altmodische Schlafkabine mit maximal drei Betten und einem eigenen kleinen Waschbecken.

Schnell lernten wir unsere Nachbarn kennen, ein älteres englisches Ehepaar. Sie versuchten ihre Enttäuschung, dass es kein Zugrestaurant gab, zu verkraften. Sie hätten sich riesig über ein romantisches Abendessen am Rhein gefreut. Anscheinend hatten sie keine E-mail empfangen. So konnten wir unsere erste gute Tat an diesem Tag erbringen. Wir stellten unseren Nachbarn unsere Brötchen und unsere Käse zur Verfügung, so dass sie nicht hungern mussten.

Trotz allem: Romantik am Rhein

De versprochene Getränke- und Snacksservice kam den ganzend Abend nicht vorbei, aber glücklicherweise hatten wir unser eigenes Bier und unsere eigenen Snacks mitgenommen.

Während wir in unserem privaten Abteil saßen, genossen wir das altmodische Reisen: am Rhein entlang mit Blick auf den Fluss, die Schlösser und die Weinberge. Für einige Momente kehrte das gute Gefühl des langsamen Reisens zurück aus einer Zeit, in der noch keine ICEs zwischen Köln und Frankfurt am Rhein vorbei rasten.

Defekte Toiletten, ungenießbarer Kaffee

Zum vereinbarten Zeitpunkt kam unser äußerst freundlicher und hilfsbereite Steward, um unsere Betten für die Nacht vorzubereiten. Dann fing die lange Nacht an, in der unser Zug über die deutschen und österreichischen Gleise rasselte. An einem Punkt, wahrscheinlich bei München, hielt der Zug stundenlang an. Als es Morgen wurde, waren mittlerweile drei der vier Toiletten in der Nähe von unserem Abteil defekt. Die vierte Toilette war  unbeschreiblich dreckig und dort fehlten Papier und Seife.

Weil der Restaurantwagen noch immer fehlte, wurde das “Schlemmerfrühstück” im Abteil serviert: ein Karton mit trockenen Bröttchen und kleinen Portionen Butter, Käse und Marmelade, ergänzt durch ein warmes und braunes Getränk, das wahrscheinlich Kaffee war, obwohl man das weder riechen noch schmecken konnte.

Dieses Frühstück hatte € 14,90 pro Person gekostet.

Urlaub!

Ankunft in Villach

Der Zug traf rechtzeitig in Villach an. Es dauerte einige Zeit, bevor ich das Auto vom Zug hinunter fahren konnte, aber dann konnte der Urlaub wirklich anfangen. Es war trotz der Schwierigkeiten schön, dass wir diese lange Strecke nicht selbst fahren mussten. Es war keine romantische aber sicherlich eine interessante Erfahrung.

Es wurde ein schöner Urlaub.

Kundenmanagement

Nach dem Urlaub habe ich Train4You eine E-Mail mit meinen Beschwerden geschickt. Ich bekam die folgende Antwort:

Sehr geehrter Herr de Man,
vielen Dank für Ihre Nachricht.
Wir haben diese zur Bearbeitung an unser Kundenmanagement weiter geleitet. Sie werden von dort so schnell wie möglich benachrichtigt.

Das wird sicherlich nie passieren.

Meine E-Mail an Tran4You steht auf:
https://www.trustpilot.com/review/www.urlaubs-express.de

Mit herzlichem Dank an Annette Krapp, die so freundlich war, Korrekturen in meiner Übersetzung aus dem ursprünglichen niederländischen Text vorzuschlagen.

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